Ive entfernt Ballast und Spaß aus iOS7

von Sebastian Klammer am Juni 15, 2013

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Nachdem Apple eine lange Zeit so gut wie gar nichts am iPhone Betriebssystem verändert hatte, was das Design und die User Experience betraf, hat man es jetzt auf der World Wide Developer Conference so richtig krachen lassen. Apple Chef-Designer Jonny Ive hat iOS 7 einen radikal neuen Look verpasst (zumindest war er neu als Android und Microsoft ihn vor mehr als einem Jahr einführten). Und weil er gerade so schön dabei war, hat er neben sämtlichem „Ballast“ auch gleich den ganzen Spaß aus der iPhone Software entfernt.

Die Oberfläche von iOS 7 ist ein radikales Redesign. Aber nicht wirklich neu, denn irgendwie war alles schon da: das flache, sehr reduzierte Design der Schriften und Icons (wie bei Android ICS), die leicht transparenten, milchigen Oberflächen (wie bei Windows 7) oder das weiß-blau-graue Farbschema der Dialoge (wie bei Google). Den animierten Hintergrund und auch die Wetter App, die die Situation vor dem Fenster nicht nur in Zahlen, sondern auch visuell darstellt, kannte man so schon von HTC Sense. Gefehlt hätte nur noch der Scheibenwischer, der Regenwetter visualisiert. Nichts von alledem ist neu und vor allem: nichts von alledem ist Apple. Ich meine, Apple-typisch. Und das ist schon neu. Bisher erkannte man Apple-Software auf den ersten Blick. So ausgewogene, ergonomische Oberflächen gab es sonst nirgends – nicht bei Android, nicht unter Windows, nicht unter Linux. Apple-Software hat man einfach sofort erkannt. Und auf Anhieb geliebt – bis auf seltene Ausnahmen. Man darf nicht vergessen: was Ive offenbar als Ballast angesieht, hatte für viele User durchaus seinen Sinn! Das hat sich mit iOS 7 drastisch geändert. Würde man hingehen und den Hardware-Rahmen um die Software herum entfernen, wäre es schwer zu sagen, auf was für einem Gerät diese Software eigentlich läuft. IOS 7 ist der John Doe der mobilen Betriebssysteme.

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Das soll nicht heissen, dass iOS 7 prinzipiell unansehnlich ist. Ist es nicht. Die reduzierten, flachen Oberflächen machen schon Sinn – dort, wo sie angebracht sind. Doch iOS wirkt so, als hätte man versucht, das flache, reduzierte Design mit Gewalt über das gesamte System zu stülpen und das Ergebnis ist einfach… flach. iOS 7 sieht effizient aus. Und das ist eine gute Sache – eben wo es angebracht ist. Wenn ich Termine plane, möchte ich das effizient tun. Wenn ich E-Mails lese, möchte ich das effizient tun. Aber ein Buch lesen? Spielen? Neue Musik entdecken? Möchte ich das effizient tun? Wo ist denn der Spaß geblieben, bitte schön?

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Ich kann hier natürlich nur für mich sprechen, aber der Reiz des iPad lag zu einem großen Teil darin, dass ich zum Beispiel ein Buch lesen konnte und das Gefühl dabei FAST dem eines echten Buches entsprach. Soll heissen: iBooks hat bei mir so gut funktioniert, WEIL es so aussah, wie ein echtes Buch – nicht OBWOHL es so aussah. Das Layout, der Einband, die gewölbten Seiten – gerade das hat Spaß gemacht an der Software. Wenn meine Bücher in iOS jetzt allerdings so aussehen wie die Word- oder PDF-Dokumente, die ich während der Arbeit sowieso die ganze Zeit anstarre, dann hat das für mich einfach nichts mehr mit Spaß zu tun. Das habe ich den ganzen Tag. Das brauche ich zum Feierabend nicht auch noch!

Dasselbe gilt für den iTunes- und den App Store. Den „alten“ iTunes Store habe ich oft einfach besucht, um herumzustöbern und dabei gelegentlich etwas Neues zu entdecken – sein steriles Pendant in iOS 7 werde ich sicher nur noch dann aufsuchen, wenn ich es unbedingt muss. Zu mehr regt es einfach nicht an. Und dieses Gefühl lässt sich dummerweise auf nahezu das gesamte System übertragen: die Notizen, die Settings, den Music Player. Nichts davon wirkt mehr organisch, nichts hat mehr Charakter. So ist das iPhone nur ein Werkzeug, mit dem ich zwar sehr effizient Aufgaben erledigen kann, das mich aber nicht mehr dazu reizt, es öfter in die Hand zu nehmen, als ich es muss.

Andererseits… lassen wir iOS etwas Zeit. Immerhin ist es ein enormes Update und man muss abwarten, wie Entwickler und User darauf reagieren. Wie überzeugt man bei Apple selbst ist, ist schwer zu sagen – Craig Federighi jedenfalls wurde nicht müde zu betonen, wie wunderschön das neue iOS 7 sei. Als würde seine Aussage wahr, wenn er sie nur oft genug wiederholt.

Und was ist mein Fazit? Natürlich wird die neue Oberfläche in iOS 7 auch funktionieren. In Android oder auf dem Windows Phone tut sie das ja schließlich ebenfalls. Aber eben nur gerade so. So wie Windows funktioniert – gerade so. Man wird damit tun können, was man eben zu tun hat, aber eben nicht mehr tun wollen als man muss. Was fehlt, ist die „extra mile“, die man von Apple ganz einfach erwartet, das gewisse Etwas, das Apple von seiner Konkurrenz unterscheidet. Oder vielmehr: unterschied.

Gefunden bei: apple.com
Bilder: Apple

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