Stufenbrunnen in Indien von Victoria Lautman

von Sebastian Klammer am Dezember 14, 2016

Stepwells by Victoria Lautman

In Indien existiert eine ganz besondere Art architektonischer Bauten, die langsam verfallen, noch bevor die meisten Menschen überhaupt wissen, dass sie existiert haben. So zumindest sah es aus, als die aus Chicago stammende Journalistin Victoria Lautman ihre erste Reise in das Land unternahm und die beeindruckenden Strukturen entdeckte, die dort Stepwells (Stufenbrunnen) genannt werden. Wie riesige Tore in die Unterwelt wurden diese unterirdischen Tempel geschaffen, um in Gebieten, in denen klimatische Schwankungen den Grundwasserspiegel ständig steigen und fallen ließen, einen einfacheren Zugang zum Trinkwasser zu ermöglichen.

Stepwells by Victoria Lautman

Stepwells by Victoria Lautman

Stepwells by Victoria Lautman

Zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert vor Christus wurden in Indien Tausende Stepwells gebaut – zunächst als einfache Gräben, später als aufwändig gestaltete und technisch herausragende Meisterwerke. Bis zum 11. Jahrhundert hin wurden viele dieser Stufenbrunnen von wohlhabenden oder mächtigen Philanthropen in Auftrag gegeben – oder Philanthropinnen, denn gut ein Viertel der Stifter(innen) waren Frauen. Lautman war von den genialen Konstruktionen, die bis zu 10 Etagen tief in den Boden reichen, begeistert:

„Die Konstruktion der Stepwells beschränkte sich nicht nur auf das Graben eines zylindrischen Loches, aus dem man Wasser heraufziehen konnte, sondern bedurfte einer ausgefeilten Planung. Diese umfasste zumeist einen anliegenden, mit Steinen eingefassten Graben, der über Treppen und Gänge einen zuverlässigen Zugang zum Wasser erlaubte, ganz gleich wie hoch der Wasserstand saisonal gedingt gerade war. Während in der trockenen Jahreszeit nahezu alle Stufen erklommen werden mussten, um zum Wasser hinunter (und wieder herauf) zu gelangen, verwandelten sich die Stepwells während des Monsuns bzw. in der Regenzeit in große Zisternen, die bis zum Rand mit Wasser gefüllt waren. Die Stufen befanden sich dann unterhalb des Wasserspiegels. Diese Art der Wasserspeicherung wurde für beinahe ein Jahrtausend beibehalten.“

Stepwells by Victoria Lautman

Stepwells by Victoria Lautman

Stepwells by Victoria Lautman

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Wasserspiegel in Indien drastisch gesunken – zumeist durch unreguliertes Abpumpen des Grundwassers. Die Stufenbrunnen trockneten aus und wurden nahezu vollständig vergessen. Einige von ihnen, die sich in der Nähe von Tourismuszentren befinden, wurden erhalten, die meisten jedoch verkamen zu Abfalldeponien oder wurden von der Natur zurück erobert. Viele sind mittlerweile gar nicht mehr auffindbar.

Angetrieben von dem Willen, diese einzigartigen Bauten vor ihrem vollständigen Verschwinden zu dokumentieren, hat Lautman zahllose Reisen nach Indien unternommen. Dabei hat sie insgesamt 120 solcher Strukturen entdeckt. Derzeit sucht sie die Zusammenarbeit mit Verlagen, um ihre faszinierenden Geschichten und ihre Bilder mit einem breiteren Publikum zu teilen. Außerdem unterrichtet sie zu diesem Thema an verschiedenen Universitäten. Auf ihrer Website kannst du mehr über ihre Arbeit erfahren.

Stepwells by Victoria Lautman

Stepwells by Victoria Lautman

Stepwells by Victoria Lautman

Stepwells by Victoria Lautman

Sehr detaillierte Informationen zu den indischen Stepwells und zu Victoria Lautman findest du (in englischer Sprache) auch auf Arch Daily.

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