Leihen statt kaufen: Drei Apps im Vergleich

von Sebastian Klammer am September 23, 2014

Shareconomy ist – Gott sei Dank! – eines der Buzzwords unserer Zeit. Dinge nicht mehr selbst kaufen, sondern gemeinsam benutzen. Wir kennen die Idee schon lange: Privates Car Sharing oder Mietwagen, die ich einfach irgendwo mitnehmen und irgendwo abstellen kann. Oder die City Bikes der Deutschen Bahn. Fast überall zu finden, flexibel und überall wieder abstellbar.

Diese Idee lässt sich aber auch auf viele andere Dinge anwenden. Zum Beispiel auf den eigenen Haushalt. Früher, als ich noch alle meine Nachbarn kannte, war es nicht nur kein Problem, sondern geradezu üblich, einfach zum Nachbarn zu gehen, wenn ich einen Rasenmäher brauchte. Ich musste mir nicht unbedingt selbst einen kaufen. Im Gegenzug bekommt der Nachbar meine Leiter, immer wenn er sie braucht. Gerade in unseren Großstädten ist das aber über die Zeit verloren gegangen. Ich wohne zwar schon seit Jahren neben meinen Nachbarn, weiß aber gar nicht, was sie mir eventuell leihen könnten. Genauso wenig wie mein Nachbar weiß, dass ich eine Bohrmaschine habe, die an 360 Tagen im Jahre nur nutzlos herumliegt. Also haben wir beide eine Bohrmaschine. Und die liegen beide 360 Tage im Jahr nutzlos herum. Nachbar 3 wiederum weiß von beiden Bohrmaschinen nichts und hat sich gerade selbst eine gekauft.

Mittlerweile gibt es allerdings einige spannende Ansätze, die genau dieses Thema ansprechen: Sharing Apps. Die funktionieren im Grunde alle nach demselben Prinzip: Man meldet sich an, trägt all die Dinge ein, die man besitzt und zu verleihen bereit ist. Andere können diese Dinge sehen und mich fragen, ob sie sie mal haben können. Im Detail gehen die unterschiedlichen Apps aber oft etwas unterschiedliche Wege. Deshalb hier in Kürze ein Überblick:

PEERBY

peerby

Peerby ist ein sehr interessantes Startup aus Amsterdam, besitzt allerdings ganz explizit einen globalen Anspruch. Das heisst, Website und App gibt es natürlich auch auf Deutsch. Peerby sagt über sich selbst: „Peerby liebt Menschen. Peerby liebt Nachbarschaften. Peerby liebt die Erde. Wir glauben, dass teilen die Zukunft ist und wir wollen es einfach und spassig machen.“

Und genau das tut Peerby. Mega-simpel, schick und ohne viele Hürden. Anmelden kann man sich einfach per Facebook oder über die eigene E-Mail-Adresse. Außerdem gibt man seinen eigenen Namen und seine Anschrift ein. Danach kann man all die Dinge einstellen, die man selbst besitzt und gern anderen zur Verfügung stellen möchte. Im Gegenzug kann man sehen, was andere haben oder brauchen. Benötige ich selbst etwas bestimmtes, kann ich eine entsprechende Anfrage einstellen – die können meinen Nachbarn sehen und, so sie denn wollen, mir helfen. Die Angebote halten sich – wie die Nutzer – im Moment noch in Grenzen, aber das ist bei einer neuen App zu erwarten und ändert sich hoffentlich bald!

Schön ist: Ich kann sofort sehen, was mir in der Nachbarschaft zur Verfügung steht, ohne selbst etwas anbieten zu müssen. Das hat durchaus einen praktischen Nutzen: Bei anderen Apps muss ich z.B. erst 10 Dinge einstellen, die ich verleihen will, bevor ich auf der Karte sehen kann, was andere so haben. Das führt natürlich tendenziell dazu, dass Leute erst einmal *irgendwas* einstellen, was gar keiner braucht. Das führt dann leicht zu Unübersichtlichkeit und jeder Menge „Karteileichen“. Bei Peerby ist dem nicht so. Ich kann sofort loslegen. Ebenfalls schön: Die Übersichtlichkeit ist phänomenal! Ich kann nur leihen oder verleihen. Mehr nicht.

Nicht so schön: Peerby konzentriert sich bei der Suche lediglich auf mein geografisches Umfeld. Das heisst, ich sehe andere Nutzer in einem Umkreis von X Kilometern, kann mir ansehen, was sie haben oder was sie brauchen. Habe ich jetzt allerdings Freunde in einer anderen Stadt, die ich regelmäßig besuche, tauchen diese auf meinem Radar nicht auf. Ebenso wenig kann ich einschränken, dass ich Dinge nur an Leute verleihen möchte, die ich persönlich kenne – zum Beispiel meine direkten Nachbarn. Das hat Vor- und Nachteile. Durch die große Offenheit sehe ich natürlich mehr Dinge, die mir zum Leihen zur Verfügung stehen. Nachteil: Leihe ich jemandem mein Fahrrad und der macht sich damit aus dem Staub (für deutlich länger als zunächst angenommen), kenne ich denjenigen im schlechtesten Fall gar nicht, habe keine Ahnung, wie er tatsächlich heisst oder wo er wohnt. Einen Identitäts-Check gibt es bei Peerby nämlich nicht. Vertrauen ist Trumpf. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Peerby ist übrigens vollkommen kostenlos. Es gibt die Peerby Website und eine Peerby App für’s iPhone. Zu finden unter www.peerby.com.

niriu

niriu

niriu ist ein Startup aus Hamburg. Und geht mit seinem Angebot deutlich weiter als Peerby. Mit niriu kann man nämlich nicht nur Dinge teilen, sondern auch Veranstaltungen und Orte. Geografisch geht niriu die Sache ebenfalls etwas anders an. Per GPS wird der eigene Standort ermittelt und eine Karte mit Angeboten und Gesuchen angezeigt. Vorteil: Wenn ich mich z.B. als Berliner gerade in Hamburg befinde und einen Akkuschrauber brauche, dann sehe ich, wer hier vor Ort einen hat und kann ihn mir ausleihen. Andererseits: Sieht ein Hamburger mich als Berliner auf der Karte von Hamburg (weil ich mich gerade hier befindet) und findet heraus, dass ich ein Lastenrad habe, nützt ihm diese Information gar nichts, denn das Lastenrad steht in Berlin, nicht in Hamburg.

Wie bei Peerby kann ich meine Nachbarschaft in niriu nicht eingrenzen. Das heisst: Jeder in einem Umkreis von X Kilometern kommt als Tauschpartner in Frage, egal ob ich denjenigen kenne oder nicht. Das macht bei vielen Dingen Sinn, bei vielen anderen Dingen weniger. Auch hier gibt es keinen Identitäts-Check, lediglich die Existenz der E-Mail-Adresse wird geprüft.

Stöbern kann man bei Niriu entweder auf einer Karte oder in einer Liste. Angebote sind aufgrund der derzeit noch recht geringen Nutzerzahl noch sehr wenige vorhanden – was sich hoffentlich sehr bald ändern wird.

Schön ist: Auch bei niriu kann ich sofort loslegen und muss nicht erst eigene Dinge einstellen, um stöbern zu können. Hilfreich ist die Orientierung an der Karte: Ich kann genau sehen, wo und in welcher Ecke meiner Nachbarschaft Dinge zur Verfügung stehen oder gebraucht werden. Ebenfalls schön: Neben Dingen kann ich auch Veranstaltungen und Lieblingsorte tauschen. Das macht niriu besonders interessant für Zugewanderte, die sich noch nicht so gut in der Stadt auskennen und neue Leute kennenlernen möchten.

Nicht so schön: Auch bei niriu kann ich nicht wirklich filtern, wer meine Dinge sehen soll und wer nicht. Ich kann lediglich zwischen „niriu-Nachbarn“ und „allen“ auswählen. Dabei bezieht sich „niriu-Nachbarn“ allerdings auf alle Leute, die in meiner Nachbarschaft wohnen, unabhängig davon, ob ich sie kenne oder nicht. Das Leihen ist also auch hier vor allem eine Vertrauensfrage. Man muss an das Gute in seinen Mitmenschen glauben, sonst wird das kaum funktionieren. Auch nicht so schön: niriu gibt es nur als Website, nicht als App. Die Website ist zwar responsive – und damit theoretisch auch auf dem Smartphone nutzbar – aber wird von einer fast vollflächigen Karte eingenommen, in der man herum scrollen kann. Haken: Wenn man das tut, kann man nicht mehr auf der Seite scrollen. Da wird Navigation zum echten Geschicklichkeitsspiel.

niriu ist kostenlos und unter der Adresse www.niriu.com zu finden.

WHY own it

whyownit

Ganz anders ist der Ansatz bei WHY own it. Hier gibt es nämlich keine Website, sondern nur die Apps. Das heisst: Im Moment nur die App für’s iPhone. Android ist in Planung. Obwohl die Entwickler sich ganz bewusst vom Konzept der Website verabschiedet haben, ist das in meinen Augen ein ganz entscheidender Nachteil von WHY own it. Zum Einen würde ich gern selbst entscheiden, ob ich am Laptop stöbern möchte oder auf dem Handy. Zum Anderen böte mir eine Website wesentlich mehr Überblick und mehr Möglichkeiten zur Interaktion. Zum Anderen schließt die Fokussierung auf eine (später zwei) Plattformen schon von vornherein eine Menge potenzieller Tauschpartner aus. Würden, theoretisch, 70% meiner Nachbarn Windows Phone, Blackberry oder gar kein Smartphone verwenden, fielen sie komplett aus dem Raster.

Hinsichtlich der Dinge, die ich zur Verfügung stellen möchte, hat WHY own it allerdings einen kleinen Vorteil: Ich kann selbst bestimmen, ob ich mein Fahrrad all meinen Nachbarn zur Verfügung stellen will oder nur meinen Freunden. Und: Ich kann auch Freunde hinzufügen, die nicht meine Nachbarn sind. Das ist ziemlich wichtig! Fährt man z.B. regelmäßig in eine andere Stadt, in der man einen Freundeskreis besitzt, kann man sehen, welche Dinge meine Freunde dort brauchen – und diese beim nächsten Besuch mitnehmen. Bei Peerby oder niriu ist das nicht möglich.

Schön ist: WHY own it ist extrem einfach zu verwenden, sehr aufgeräumt und macht einen einladenden Eindruck. Ich kann wählen, welche Dinge ich mit allen Nutzern teilen möchte und welche nur mit meinen tatsächlichen Freunden – also Leuten, die ich wirklich kenne. Zudem kann ich Freunde hinzufügen, die nicht meine Nachbarn sind, was von entscheidendem Vorteil ist, wenn ich öfter zwischen verschiedenen Orten pendle.

Nicht so schön: WHY own it gibt es momentan ausschließlich für iOS. Hat ein Freund oder ein Nachbar kein iPhone oder kein iPad, kann ich weder sehen, was er hat oder braucht – und anders herum genau so wenig. Besonders bei einer App, die auf möglichst viele Nutzer angewiesen ist, ist das kein besonders cleverer Zug, wie ich finde. Zumal es ganz bewusst auch keine Website gibt, auf die ich notfalls zurück greifen könnte.

WHY own it ist ebenfalls kostenlos. Mehr Informationen gibt es unter whyownit.com.

Fazit

Sowohl Peerby als auch niriu und WHY own it sind sehr gute Ansätze, die man auf jeden Fall im Auge behalten sollte! Je nach Anforderung und Typ sind die Apps für einzelne Nutzer mehr oder weniger vorteilhaft: eben abhängig davon, ob ich tatsächlich NUR tauschen oder auch meine Nachbarschaft besser kennen lernen möchte. Bei allen drei Lösungen muss noch nachgebessert werden – so bietet z.B. nur WHY own it die Möglichkeit, einen geschlossenen Freundeskreis aufzubauen. Und niriu ermöglicht es mir nicht, einen festen Standort zu definieren – es macht ja wenig Sinn, meinem momentanen Umfeld zu verkünden, dass ich eine Waschmaschine besitze, wenn sich diese in einer ganz anderen Stadt befindet. Dafür finde ich bei niriu heraus, welche Geheimtipps es in der Stadt gibt, die ich gerade besuche. Hinsichtlich der Plattformunabhängigkeit haben Peerby und niriu die Nase weit vorn – wobei Peerby das übersichtlichere Werkzeug zu sein scheint. WHY own it gibt’s im Moment nur für iPhone und iPad – da muss dringend nachgeholt werden! Angesichts dieser Tatsache ist Peerby derzeit mein klarer Favorit.

4 Kommentare

whyownit und niriu existieren leider nicht mehr, nur peerby hat den zahn der zeit überlebt. Seither sind viele neue Startups auf den Markt gegangen, die das Teilen voranbringen wollen. Eine gute Auswahl scheint es bei utiluru zu geben http://bit.ly/leihdichglücklich. Die stecken noch in den Startlöchern und bieten sehr flexible Konzepte, je nachdem wie der Gegenstand gewünscht wird. Leihen, mieten und teilen ist wohl alles möglich!

by Burkhard Hauck on 28. Januar 2017 at 16:55. Antworten #

Vielen Dank für Deinen Kommentar! Dann werde ich mir die Neuen gleich noch mal ansehen!

by Sebastian Klammer on 4. Februar 2017 at 11:14. Antworten #

Scheint, dass utiluru nun zu erreichen ist unter http://www.utiluru.com

by Burkhard Hauck on 28. Januar 2018 at 18:27. Antworten #

Schade dass deine Artikel nicht mehr aktuell ist. Es ist genau was ich suche. Ich habe selber recherchiert und ich habe SkyLib gefunden. http://www.skylib.com/
Ich habe es noch nicht probiert, aber es scheint als eine gute Option zu sein.
Grüße

by KimiGuti on 11. Dezember 2017 at 11:43. Antworten #

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