Bye bye, Adobe? Noch nicht ganz.

von Sebastian Klammer am Juli 28, 2015

Ich bin kürzlich über die ganz hervorragenden Design-Anwendungen von Serif gestolpert, habe mir einige Reviews dazu durchgelesen und mir Affinity Designer und Affinity Photo gekauft, um sie auszuprobieren (bei einem Preis von jeweils ca. 30 Euro kann man auch mal spontan zugreifen. Bei Adobe ist die Hürde da schon deutlich höher). Meine Begeisterung war – und ist noch immer – groß und ich war schon drauf und dran, das Ende von Adobe auf meiner Platte einzuläuten. Allerdings: nur fast. Warum?

Was ich an Adobe mag

Photoshop, Illustrator, InDesign, Bridge und manchmal, selten, auch noch DreamWeaver sind ein bisschen wie Zuhause. Anwendungen, in denen man sich wohl fühlt, die trotz ihres enormen Funktionsumfangs recht leicht und intuitiv bedienbar sind (auch, wenn vieles davon einfach mit Gewöhnung zu tun hat) und die einfach das tun, was man erwartet.

photoshop cc2015

Zumindest zu Photoshop (Gimp, Pixelmator) und Illustrator (Sketch) gibt es noch gut nutzbare Alternativen, aber spätestens bei InDesign hört es damit auch schon auf (mit der Ausnahme von QuarkXpress).

Pixelmator

Allerdings: keine der genannten Anwendungen kommt zu 100% an den Funktionsumfang und die Effektivität von Photoshop oder illustrator heran – und selbst wenn man auf das eine oder andere gut verzichten könnte, steht am Ende der Arbeit immer deren Übertragbarkeit. Wenn ich Designs an Entwickler oder an eine Druckerei übergeben muss, erwarten diese die üblichen Standard-Formate: Photoshop PSD oder Illustrator AI. Mit etwas anderem kann man da kaum um die Ecke kommen. Es gibt also viele Gründe für Adobe: riesiger Funktionsumfang, einfache Bedienbarkeit, starke Gewöhnung und nahezu 100%ige Akzeptanz im Design-Umfeld. Es gibt aber auch Gründe gegen Adobe.

Was ich an Adobe nicht mag

Für jeden Designer, Grafiker, Fotografen und sonst irgendwie mit Gestaltung Beschäftigtem gehören die Anwendungen von Adobe einfach zum Handwerkzeug. Man stellt sie genau so wenig in Frage, wie die Schuhe, die man sich morgens anzieht. Zumindest bisher. Dann stieg Adobe mit der Creative Cloud voll auf eine Abonnement-Modell für seine Software um. Statt sich eines von mehreren verfügbaren Softwarepaketen zu kaufen, von jedes im Schnitt mit gut 1.900 Euro zu Buche schlägt, bekommt man jetzt nur noch alles – für gut 60 Euro im Monat. Das macht schon einen beträchtlichen Unterschied.

Ein Rechenbeispiel: wenn ich mir die klassische Adobe Design Suite (Photoshop, Illustrator, InDesign, Dreamweaver und Bridge) für 1.900 Euro kaufe und zwei Versionen überspringe, muss ich mir eine aktuelle Version nur ca. alle 4 Jahre zulegen. Ich komme also auf ca. 475 Euro Kosten pro Jahr – das macht im Monat 39 Euro.

Mit der Adobe Creative Cloud bekomme ich etwa 25 Apps und zahle dafür Monat für Monat 60 Euro. Obwohl ich effektiv nur 3 der Anwendungen brauche. Die anderen fallen entweder nicht in meinen Fachbereich oder tun mehr oder weniger dasselbe. Ohnehin hat man seit Einführung der Creative Cloud irgendwie den Eindruck, Adobe bringe immer mehr Anwendungen heraus, deren Alleinstellung sich nicht so einfach auf Anhieb erschließt und die eher ein Argument für die 60 Euro im Monat zu sein scheinen: „Schau mal, dafür bekommst du 25 Programme! Quasi geschenkt!“.

Creative Cloud Apps

Und was jetzt?

Zwei wirklich denkbare Alternativen zu Photoshop und illustrator hat das britische Softwarehaus Serif jetzt auf den Markt gebracht: Affinity Photo und Affinity Designer.

Affinity Photo

Bei Affinity Photo geht es ganz klar um die Bildbearbeitung. Die Fokussierung ist hier deutlich stärker als bei Photoshop, das sich auch für Designarbeiten eignet, die mit Fotografie nicht viel zu tun haben. Das ist bei Affinity Photo anders. Die Werkzeuge sind klar auf die Fotomanipulation ausgelegt und hier zeigt das Programm auch seine Stärken: die Effekte, Maskenfunktionen, Korrekturpinsel etc. sind wirklich mindestens so gut wie die, die man in Photoshop findet. Und ihr Umfang geht teilweise deutlich über den von Photoshop hinaus. Zudem ist Affinity Photo nicht nur deutlich leichter und flinker als Photoshop, sondern mit 49,99 Euro auch noch sehr viel günstiger. Das Beste ist: ich kann mit allen Formaten arbeiten, die auch Photoshop unterstützt und ich kann ins Photoshop-Format (PSD) exportieren – inklusive aller Vektoren, Schriften und Ebenen.

Affinity Photo 2

Allerdings hat das Ganze auch einige Haken: Die einzelnen Funktionen verhalten sich zum Teil ganz anders als in Photoshop. Das ist jetzt nicht per se ein Mangel, aber Serif würde Umsteigern das Umsteigen ganz erheblich vereinfachen, wenn sich zum Beispiel das Auswahlwerkzeug so verhalten würde wie es das in Photoshop tut. Es ist zwar schon so, dass sich eine andere Herangehensweise manchmal als die bessere erweist – das scheint hier aber nicht so offensichtlich der Fall zu sein. Insofern könnte Serif da noch etwas nachbessern!

Der Affinity Designer macht sich mit seinen leistungsfähigen und super intuitiv bedienbaren Vektorfunktionen mächtig daran, das Feld des Adobe Illustrator zu beackern. Und macht das auch richtig gut. Der Funktionsumfang zur Bearbeitung von Vektorgrafiken ist vergleichbar, teilweise logischer und verständlicher aufgebaut und auch die Qualität der Ausgabe kann sich sehen lassen. Für Illustrationen wunderbar, so weit so gut. Auch der Affinity Designer kostet um die 50 Euro, womit man nicht viel falsch machen kann. Er öffnet Adobe Photoshop (PSD) und Illustrator (AI)-Dateien.

Affinity Designer

Und genau da liegt eine der wichtigsten Schwachstellen: Affinity Designer kann AI-Dateien zwar öffnen, aber nicht speichern oder exportieren. Das ist an sich nicht weiter tragisch, könnte man meinen, fällt aber schon ins Gewicht, wenn man im Rahmen eines größeren Projektes AI-Dateien abliefern muss. Dann kann man mit dem Affinity Designer nicht viel anfangen.

Ein weiterer Mangel fällt ins Auge, wenn es darum geht, Dokumente für Druckereien zu exportieren. Affinity Designer unterstützt nämlich weder die Ausgabe von Passermarken noch die Anlage eines Beschnitts – und fällt damit für Druckaufgaben nicht unbedingt in die engere Wahl.

Und InDesign?

InDesign steht nach wie vor allein im Felde. Mit einer einzigen ernst zu nehmenden Konkurrenz: QuarzXpress. Es gibt zwar einige Desktop Publishing-Anwendungen im Hobby- und Semiprofessionellen Bereich, aber nichts, mit dem man tatsächlich ernsthaft arbeiten kann. Insbesondere nicht zusammen arbeiten, denn die Übergabe von Dateien im .INDD-Format spielt auch hier eine nicht zu verachtende Rolle. In diesem Bereich bietet Serif bisher nichts an, was mit InDesign vergleichbar wäre.

Fazit

Wer sich hauptsächlich mit Fotografie oder Screen Design beschäftigt, der wird in Affinity Photo und Affinity Designer zwei mächtige, aber dennoch leichtfüßige Werkzeuge finden, mit denen sich gut arbeiten lässt, die nebenbei auch noch gut aussehen und zu einem absolut unschlagbaren Preis daher kommen. Geht das Arbeitsfeld aber über die reine Screen-Arbeit hinaus und umfasst Bereiche wie Druck oder Publikation, dann müssen beide Programme noch einiges nachholen, um mit Photoshop und Illustrator auf einer Stufe Platz nehmen zu können. Leider. Denn so wie es aussieht, zieht sich der Abschied von Adobe zumindest für mich noch eine Weile hin.

Zur Serif Website

5 Kommentare

Hallo Sebastian,
ich finde deinen Artikel sehr interessant. Ich selber habe mich über Adobe sehr geärgert als die einen Abo-Zahl-Modell eingeführt haben und nicht einmal mehr eine Legacy-Alternative, wie es z.B. bei MS-Office der Fall ist, anboten.
Ich denke ich werde mir die beiden Afinity-Anwendungen zulegen, sobald diese auch für Windows zur Verfügung stehen. Ausserdem wird es nicht lange dauern bis diese Produkte sehr nah an Adobe herankommen.
Den fehlenden Export von AI-Dateien finde ich nicht besonders schlimm. In meiner Laufbahn als Designer habe ich noch nie einer Druckerei eine AI-Datei zugeschickt, sondern immer nur eine PDF. Im Notfall können sogar hochauflösende PNGs oder jPGs herangezogen werden.
Mich nervt sowieso die Bindung an bestimmte Produkte durch proprietäre Dateiformate.
Ich sehe es schon kommen, sobald die Serif-Produkte Adobe gefährlich werden, wird Adobe an seinem Preismodell schrauben. Doch dann ist bei mir das Vertrauen an Adobe schon längst weg.

Ich würde mich freuen wenn es bald ein Update von diesen Artikel gibt. Oder gibt es den vielleicht schon? Schließlich ist dieser Artikel schon fast ins Jahr gekommen 🙂

by Jarek Sarbiewski on 13. Mai 2016 at 02:48. Antworten #

Mittlerweile arbeiten die Leute bei Serif tatsächlich an Windows-Versionen dieser Programme (siehe hier: https://affinity.serif.com/de/windows/). Schon in einigen Wochen sollen die Beta-Versionen erhältlich sein!

by Sebastian Klammer on 19. Mai 2016 at 08:23. Antworten #

Guten Tag,
ich habe mir auch vor 1 Jahr Affinitiy Designer gekauft – da war ich noch nicht 100% eins mit. Doch mittlerweile merke ich wie mir die Software immer mehr gefällt.

Habe auch die Trail Version von Affinitiy Photo gezogen und das Programm hat es drauf! Alle arbeiten konnte ich Prima durch führen – für das Webdesign / Screendesign nutze ich sowieso lieber Sketch!

Aber ich bin wirklich mehr als Positiv überrascht – alleine wegen der Preis Politik – wenn es dann noch im Angebot ist mit 50% – 30% – 20 % TOP!

Liebe Grüße
mbaruschke

p.s. toller bericht, konnte man schön lesen.

by Manuel on 14. Oktober 2016 at 13:22. Antworten #

Man merkt wie wenig Ahnung der Autor vom obigen Artikel hat.

„…wenn sich zum Beispiel das Auswahlwerkzeug so verhalten würde wie es das in Photoshop tut. Es ist zwar schon so, dass sich eine andere Herangehensweise manchmal als die bessere erweist – das scheint hier aber nicht so offensichtlich der Fall zu sein. Insofern könnte Serif da noch etwas nachbessern!“

In vielen Ländern (wie z.B. USA) sind viele Funktionen (inkl. Workflows oder einfach nur eine Aktion wie „mit einem Wisch einen Sperrbildschirm aufheben“) per Patentrecht unglaublich stark geschützt.

Die Macher von Affinity Photo würden wahrscheinlich „Millionen Dollar“ Strafen plus Millionen Dollar an Gerichtskosten sich aufhalsen, wenn gewisse Funktionen „gleiche“ Abläufe/Funktionen verwenden würde. Am Ende würde dann noch eine jährliche Lizenzzahlung an Adoba fällig werden und damit wäre Affinity dann am Ende konkurs.

In den USA hat eine kleine Firma sogar von Apple 300 Mio Euro bekommen, weil Sie ein Patent besaßen mit dem Inhalt „…Dinge auf ein mobiles Telefon zu laden oder umgekehrt“. Sony und Samsung haben auch knapp hundert Millionen Dollar an einzelne Patent-Trolle gezahlt.

In den USA kann man nämlich nur einen „Ablauf patentieren lassen!“…..wie ein Anwalt für seine Tochter seitliches Schaukeln auf einer Schaukeln in Texas patentieren lies.

Damit sollte in einem Review keine solchen dummen Sätze wiederholt werden! Software ist verschieden und man kann nicht erwarten, dass alles „gleich“ ist – dann hätte OS X, Linux und Android kein Existenzrecht neben Windows als Marktführer.

by Roland Falter on 27. Dezember 2017 at 21:27. Antworten #

Das ist natürlich ein berechtigter Einwand, entbehrt allerdings ein wenig der praktischen Bestätigung. Wenn man sich einmal umschaut, wird man erkennen, dass viele Grafikprogramme – sowohl im Freeware als auch im Commercial Bereich – Funktionen auf ganz ähnliche Weise umsetzen, wie wir sie zum Beispiel in Form des Auswahlwerkzeugs in Photoshop wiederfinden. Insofern mag diese Beschränkung der Möglichkeiten zwar tatsächlich vorhanden zu sein, scheint in der Praxis aber kaum eine Rolle zu spielen.

Abgesehen davon soll der Artikel keineswegs andeuten, dass Herangehensweisen, die sich vom Status Quo unterscheiden, generell schlecht sind. Viele neue Ideen haben sich als überaus praktisch erwiesen, gerade weil sie vom Althergebrachten abgewichen sind. Allerdings sind nicht alle neuen Ideen immer notweniger Weise besser. Sollte ich einen entscheidenden Vorteil an Affinity’s Auswahlwerkzeug übersehen haben, lasse ich ihn mir gerne erklären!…8)

by Sebastian Klammer on 30. Dezember 2017 at 15:21. Antworten #

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